Unsere Welt wird komplexer, schneller. Die Herausforderungen scheinen parallel nicht nur zu wachsen, sondern subjektiv exponentiell anzusteigen. Denn eine Krise jagt die nächste und ein individueller Beitrag zur Lösung scheint unmöglich. Gleichzeitig ist eine zunehmende Fragmentierung unserer Gesellschaft zu beobachten. Der eigene Standpunkt bestimmt die Sichtweise, Diskurse werden oft hart geführt, die Meinung anderer kaum berücksichtigt. Die „Spaltung der Gesellschaft“ wurde zum geflügelten Wort.
Die Journalistin und Autorin Ingrid Brodnig gilt als versierte Expertin zum Thema „Kommunikation und Digitalisierung“. Sie hat sich in ihrem Buch „Wider die Verrohung“ intensiv mit dem Kommunikationsverhalten auf digitalen Channels und den Auswirkungen auf die öffentliche Diskurskultur beschäftigt.
„Bad news are good news“ galt lange als geflügeltes Wort für Medienberichterstattung. Dass Algorithmen digitaler Medien negative Berichte und hochgekochte Emotionen belohnt und stärker ausspielen, ist allgemein bekannt. Darin liegt ein Grund dafür, warum digital die Polarisierung und Verrohung im Diskurs gepusht wurde. Durch KI werden diese Effekte noch verstärkt, denn aufbrausende Inhalte zum Beispiel in Form von Videos lassen sich relativ einfach herstellen und verbreiten. Ingrid Brodnig zeigt in ihrem Impuls im Rahmen der Veranstaltung Muster und Methoden der bewussten Emotionalisierung auf. Und bringt gleichzeitig wichtige Parameter ein, sich nicht in diesen Strudel der Eskalation ziehen zu lassen. Zum Beispiel, indem man hinterfragt, wer hinter der emotionalisierenden Kommunikation steckt, ob die Inhalte plausibel sind. Bei Videos kann man auf die Darstellung achten: KI-generierte Videos zeigen oftmals Bildfehler auf, wie etwa drei Hände einer Person. Ein guter Mechanismus ist auch, sich bei kontroversen Themen in digitalen Channels nicht spontan zu Reaktionen hinreißen zu lassen und den Absender in seinem sozialen Kontext zu sehen, zum Beispiel im Kreise seiner Familie. Diese „Vermenschlichung“ führt dazu, Emotionen bei der Antwort herauszunehmen und Dissens leichter zu akzeptieren.
Im Anschluss diskutierte eine hochkarätige Runde, wie wir in unserer Gesellschaft wieder mehr Kommunikations- und Dissensfähigkeit erreichen können:
Ingrid Brodnig, Univ.-Prof. Markus Hengstschläger von der Meduni Wien, Stephanie Mittendorfer (Kommunikationsexpertin, ORF-Redakteurin, systemischer Coach) und Abt Reinhold Dessl vom Stift Wilhering.
Am Podium:
Vielen Dank an unsere Mentoren:
Tenor der Runde war, dass ein Mix aus Maßnahmen erforderlich ist.
Univ.-Prof. Markus Hengstschläger betont, wie wichtig Bildung ist, um die Kommunikations- und Diskussionsfähigkeit weiter zu verbessern. Denn nur so könne man Informationen auf ihre Wahrheit und Gültigkeit bewerten. Gleichzeitig sei er angesichts der hohen Kompetenz der jungen Menschen sehr optimistisch, dass sich unsere Gesellschaft in die richtige Richtung entwickelt.
Ähnlich sieht das Ingrid Brodnig: Man dürfe sich nicht in eine Vergangenheitssentimentalität begeben nach dem Motto: „Früher war alles besser.“ Vor 30, 40 Jahren sei nur vordergründig weniger Dissens aufgetreten – schlicht, weil Meinungsvielfalt viel weniger möglich war und Minderheiten viel weniger Gehör fanden.
Kommunikationsexpertin Stephanie Mittendorfer strich ebenfalls die Wichtigkeit der Informationsvielfalt hervor. Wir müssten wieder viel mehr darauf achten: von wo kommen Infos, wer hat sie platziert. Und ob sie wirklich korrekt und nachvollziehbar sind.
Abt Reinhold Dessl strich hervor, dass althergebrachte Regeln in unserer Zeit nicht an Bedeutung verloren hätten. Es reiche aber nicht, sie zu kennen – man müsse sie auch anwenden und leben. Das würde auch die Kommunikations- und Dissensfähigkeit stärken.
Durch den Abend führte das Moderations-Duo des Forum Humanismus Wilhering: Marlene Angerer und Peter Weixelbaumer, beide Vorstandsmitglieder des Vereins.